Benedicte 3 - kloster-hachborn.de

Direkt zum Seiteninhalt
Geist > Geschichten
Fröhliche Weihnachten Benedicte  Teil 3 - die Taufe

In Frankfurt, Gemeinde St. Benedikt, hat Lissi  ihr Kind geboren: Irene Levin – Irene, zu deutsch heißt das Frieden, Frieden den Levins, Frieden der Welt. Hapes Zunge hatte sich wieder gelockert. Der Beruf machte wieder richtig Spaß, auch wenn der Schlaf des Nachts häufiger unterbrochen wurde: Windeln wickeln, Fläschchen geben. Leider hat es mit dem Stillen nicht so geklappt, aber dafür konnte der Vater nun auch häufiger das Kind versorgen.
Die Frankfurter Allgemeine Rundschau verkündete die frohe Botschaft: 24. März 2010,  Irene ist da – unsere Goldmarie. Die glücklichen Eltern Hans-Peter und Elisabeth Levin.
Zu Ostern, am 4. April ist das Kind zu Hause, ihre lange Passionszeit zu Ende. Am Pfingstmontag, dem 24. Mai sollte die Taufe sein - auf dem Gemeindefest von St. Benedikt.
Lange Jahre haben sie gewartet. Nun war es wie ein Wunder vor ihren Augen, und alle sollten das Glück nun mit ihnen teilen. Der Propst hatte sich angesagt. Babsi, Majas Mutter, soll Taufpatin werden, nach der erfolgreichen Aussöhnung zwischen den Schwestern. Irene - das war das Band des Friedens in der Familie.
Maja hat ihr Erscheinen zugesagt, auch wenn sie zu dieser Zeit noch etwas Stress hatte weil Jo unbedingt zur Fußballweltmeisterschaft nach Südafrika wollte. „Melde mich für den hohen Feiertag zur Taufe an“,  simst sie. „Darf ich sie über Wasser halten?“ Irene Marie - himmlischer Frieden.
Und dann das: Das Kind hört nicht auf zu schreien. Sie wiegen es hin und her, aber da schmerzt etwas. Untersuchungen beim Kinderarzt, Kinderklinik – irgendetwas ist mit dem Kopf nicht in Ordnung. „Das wäre wahrscheinlich mit Präimplantationsdiagnostik nicht passiert“, sagt Frau Doktor Baltasar. Aber jetzt ist es so.

3. Juni 2010, Fronleichnam, Spezialklinik Berg Marias:. Durch den kleinen Park tragen sie die Tochter hinauf auf die Station. Therapien Operationen, Hoffen, Warten, Bangen und nachts immer wieder dieser schreckliche Traum. Hape hat die biblische Geschichte so oft erzählt. Diese Stimme: "Abraham" ruf sie, "Abraham". Aber jetzt im Traum ruft sie: „Hape, Hape“, und er schrickt auf: „Hier bin ich“: „Hape, nimm Irene, dein einziges Kind, das du liebhast, und geh in das Land Morija und opfere sie dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde…“. Schweißgebadet wacht er auf ...
Lissi im Krankenhaus Berg Marias schrickt zur selben Zeit auf. Das alte Gelübde lässt sie nicht los: „Herr der himmlischen Heerscharen, wirst du deiner Magd ein Kind geben, so soll es dir gehören ein Leben lang.“
Es wird Herbst. Wie die Blätter vom Baum, so fallen immer mehr Gehirnfunktionen aus. Die Ärzte machen keine Hoffnung mehr. 16. November 2010, Opferfest: Abraham soll sein Kind hergeben. Hirntod. Apparate halten die Organe noch funktionsfähig. Hape und Lissi müssen eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Sie hoffen immer noch auf den Engel in letzter Sekunde: „Hape, Lissi, tut dem Kind nichts an!“ Aber da ist kein Engel.
Es tut so weh. Die Zeit steht still. Das Kind ein letztes Mal berühren, Abschied nehmen von Irene. Dann geben sie ihre Einwilligung zur Organtransplantation – Nieren, Herz und Lungen werden entnommen.

21. November, Totensonntag: Hape verliest im Gottesdienst die Namen der Verstorbenen. Irene-Marie Levin - weiter kommt er nicht. Kein „Vater unser“, kein Segen mehr in St. Benedikt. Zwei Kirchenvorsteherinnen begleiten ihn hinaus.
Für die folgenden Wochen werden Kollegen den Dienst übernehmen. Keine Adventszeit, kein Heiligabend, das ist ihm alles zuviel. Er braucht Ruhe. Bis auf weiteres krankgeschrieben. Nur am 1. Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember 2010, morgens um 10.00 Uhr geht er noch einmal hinein in die altehrwürdigen Gemäuer der evangelischen Kirche St. Benedikt.

Am 1. Weihnachtsfeiertag kommt sowieso sonst niemand mehr. Das hat sich überlebt. Nur noch die alte Hanna, die letzte jener Christen, die jeden Sonntag um 10.00 Uhr mal hier saßen. Sie ist immer noch da. Gelegentlich kommt noch Simeon und setzt sich auf die Empore. Er ist der Letzte aus der Zeit, wo die Frauen noch unten saßen und die Männer oben.
Doch auch wenn sonst keiner mehr da ist - die Kirche steht offen, und es hängt jetzt ein Gebetskreuz am Eingang. Davor kam man eine Kerze anzünden und seinen Dank oder seine Fürbitte aufschreiben und dann an das Kreuz heften. Die Bibel ist aufgeschlagen. Auch das Taufbecken steht noch, sogar mit Wasser drin. Die Altarkerze brennt.

Hanna sitzt in ihrer Bank, immer am gleichen Platz, und betet und wartet und betet. Hape setzt sich neben sie, drückt ihre Hand: "Gesegnete Weihnachten, Frau Samuel". Sie lacht ihn an: "Gesegnete Weihnachten, Herr Pfarrer Levin."
Sie hat ein paar Zettel in der Hand. „Was machen sie da?“ fragt er. „Ich bete. All die Gebete vom Gebetskreuz, damit sie nicht stumm bleiben lese ich sie laut vor - unserem lieben Herrgott da am Kreuz.. Er kann zwar selber lesen, aber ich glaube es gefällt ihm besser wenn er eine menschliche Stimme hört. Zum Glück sind meine Augen ja noch gut. Können sie heute ein paar Gebetszettel übernehmen. Es sind noch so viele da von Heiligabend.“ „Ja geben sie nur her. Beten wir gemeinsam.“
Da fängt die Glocke an zu läuten. Das Tagzeitengeläut wie jeden Werktag. Heute ist zwar Weihnachtsfeiertag, aber der Küster hat vergessen es abzuschalten. Die große Kirchentür geht auf, und Stimmen mischen sich in den Glockenklang. „Hör ich jetzt schon die Kirchenmäuse, oder was ist das?“ fragt Hanna.
Hape dreht sich um und erblickt Lissi, dahinter ihre Schwester Babsi, und Bernd der Exmann aus Brotloch, Hassan, Jo und Maja. Seine Nichte schiebt den Kinderwagen vor sich her, und darin schläft sie. Schläft und gebietet majestätisch Ruhe.
„Maja“, entfährt es Hape leise. Er geht auf sie zu.
„Hallo Hape“, strahlt Maja mit dem schönsten Heiligenschein: „Hier ist sie, unsere Ben. Ich hatte mich doch zur Taufe am hohen Feiertag angemeldet, über viel Wasser gehalten habe ich sie schon mal, bei dem halben Meter Neuschnee auf dem Weg hierher, und ihr wolltet doch Paten werden, du und Lissi.“
‚Aber…“, stammelt er verdattert, „Maja …, ich dachte Pfingsten … ich bin jetzt ziemlich überrascht … und außerdem bin ich noch krank geschrieben … und das Taufgespräch und das Dimissorale, die Erlaubnis des Pfarrers deines Wohnortes.“
„Ach paperlabab“, entgegnet Maja, „du hast mich mal für die heilige Jungfrau Maria gehalten und jetzt soll ich dir ein Dimis… oder irgendsowas herbeibringen. Taufgespräche haben wir ja wohl genug geführt, und wenn du nicht sofort deinen Talar anziehst, dann macht’s halt der Jo: Der ist zwar katholisch aber jeder getaufte Christ kann selber taufen. Wäre mir aber lieber, du machst das - der guten Ordnung halber. Außerdem hat es mich ganz schön Zeit und Nerven gekostet diese Taufgesellschaft hier zusammenzukriegen. Wäre nicht gerade Weihnachten, wer weiß ob es überhaupt geklappt hätte. Diese Dickschädel haben nämlich alles andere im Sinn als Frieden. Bernd und Babsi, die heiligen Rosenkrieger, kennst du ja schon. Für Bernd, den Atheisten, ist es vermutlich seit meiner Taufe das erste Mal, dass er überhaupt wieder in eine Kirche geht. Jo’s Familie ist erzkatholisch. Er will mich aber trotzdem heiraten, auch wenn seine Großmutter sich im Grab herumdreht und Vater und Mutter ihn deswegen gerade exkommuniziert haben. Hasan, der mutmaßliche Erzeuger des Kindes, ist Moslem. Seine Familie hat sich strikt geweigert mit zu kommen, aber nachdem Ben ihn einmal angelächelt hat wollte er sich wohl doch irgendwie zu dem Kind bekennen - so als Urheber…. .Aber vielleicht war’s ja auch gar nicht Hasan, sondern der Engel Gabriel. Er wollte mir jedenfalls nur mal den Koran vorlesen.“

Noch einmal geht die Tür auf, und herein kommen Jo’s Eltern. „Das mach ich jetzt“, sagt Jo und dann zum Rest der anwesenden Menschheit: „Darf ich vorstellen, Oma Antonia und Opa Franz.“
Aber dann macht sich erst mal peinliches Schweigen breit. Eine unsichtbare Wand ist noch dazwischen und verhindert den Händedruck zum Friedensgruß. Bis Opa Franz das Schweigen bricht: „Vielleicht beichten wir es ihnen erst einmal. Wir sind von unserem Sohn massiv unter Druck gesetzt worden. `Entweder ihr sagt Ja zu diesem Weihnachtsgeschenk oder ihr kriegt gar nichts mehr´. Na ja, wir mussten erst einmal gewaltig schlucken. Wir hatten uns eigentlich eine andere Frau für ihn gewünscht. Und dann auch noch mit Kind und nicht mal … Also, das hat schon gewaltig gekracht. Aber wir sind noch mal in uns gegangen. Eigentlich hat er ja auch recht. Es tut uns leid.“ „Ist schon OK“, Jo reicht ihnen die Hand, und sie fallen sich in die Arme. Der Sohn nimmt den verlorenen Vater und die verlorene Mutter wieder auf.

Maja hat mittlerweile Benedicte aus dem Kinderwagen geholt. Glucksend lächelt sie die Taufgesellschaft an und hebt den Arm als wolle sie der anwesenden Welt den Segen Urbi et Orbi erteilen. „Darf ich vorstellen: Benedicte die I., unsere kleine Päpstin“, strahlt Jo. Sie sind sich einig. Es gibt kein besseres Weihnachtsgeschenk. „Also Herr Pfarrer Hape“, gebietet Maja majestätisch wie die Gottesmutter, „walten sie ihres Amtes und taufen sie Ben.“

„Ben oder Benedicte?“ fragt Hape. Maja legt noch einmal los: „Benedicte, zu deutsch die Gesegnete, aber Ben ist genauso gut und kürzer. Steckt ja in Benedicte schon drin und bedeutet - wie du weißt - der Sohn. Warum soll heutzutage der Sohn Gottes nicht auch ne Tochter sein. Jedenfalls hat sie hier schon mal die Welt zusammengebracht. Sie soll als getaufte Christin groß werden, und ob sie später dazu noch ein Kopftuch trägt oder 'nen Rosenkranz betet kann sie selber entscheiden“.
Dreimal fließt das heilige Wasser über ihre Stirn.

Zu den Fürbitten findet Pfarrer Hape noch die Gebetszettel, die Hanna ihm gegeben hat, und er liest sie jetzt: „Gott, ich danke dir für unser Kind, für die neue Niere, für das neu geschenkte Leben. Danke, dass wir miterleben durften, wie das schwerstkranke Kind sich nach erfolgreicher Transplantation zu einem normalen Säugling entwickelt hat.
Gott, du hast mir ein neues Herz gegeben, ich danke dir für gute Ärzte, für Rettung und Hilfe.
Gott, ich weiß, dass da jetzt auch irgendjemand trauert, weil er ein Kind verloren hat. Lass ihn doch wissen: es lebt, sein Herz schlägt.“
Dann finden sich bei der Krippe auch noch ein paar Weihnachtsplätzchen vom Vorabend, Herzen und Nierenform. Er teilt sie aus: „Das ist mein Leib, mein Leben, mein Frieden - für dich gegeben!“
Zum Schlusssegen nimmt er Ben in seine Arme lobt Gott und spricht: „Herr nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“
„Vielen Dank“ und „war schön bei ihnen“ sagt Hasan noch als sie gehen. „Wenn sie wollen, dann kommen sie doch mal vorbei in Mohammeds Dönerbude. Sie gehört meinem Bruder. Salam“. „Salam“ verabschiedet sich Hape „und Irene - Frieden auf Erden“.

Lukas 2,
22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen,
23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2.Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«,
24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3.Mose 12,6-8).
25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war mit ihm.
26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.
27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,
28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
31 den du bereitet hast vor allen Völkern,
32 ein Licht, zu erleuchten die Heiden
und zum Preis deines Volkes Israel.
33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.
34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird
35 – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.
36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte,
37 und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.
38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
39 Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth.
40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.
Zurück zum Seiteninhalt