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Fröhliche Weihnachten Benedicte, Teil 2 - Geburt
nach Lukas 2

Wirklich toll“, keifte Maja, „alles voll in der Stadt, wir kurven hier schon stundenlang im Busch herum, es ist Donnerstag der 24., es ist dunkle Nacht, ich bin schwanger, weiß der Himmel warum und du hast vergessen ein Hotel zu buchen, wirklich toll.“
„Entschuldigung“ entgegnete Jo,  „stundenlang ist ja wohl maßlos übertrieben, außerdem hättest du dir ja von deinem Onkel Hape auch mal eine bessere Wegbeschreibung geben lassen können.“
Fakt war jedenfalls. Es war der Donnerstag der 24. Juni 2010, es war Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Da ist es also gerade Winter und hier auf über 1000 m Höhe im Landesinneren auch ziemlich kalt. In Rustenburg, der kleinsten unter den  Spielstädten, waren alle Hotels und Herbergen komplett ausgebucht. Dänen und Japaner trafen heute im letzten Vorrundenspiel im Royal Bafokeng Stadion  aufeinander.  Aber auch Engländer und Deutsche waren schon angereist für das Achtelfinalspiel am kommenden Samstag, dem 26. Und so machte sich auch auf Jo, der eigentlich Jonathan hieß, aus Deutschland, aus der Stadt Maintal mit Maja, seiner Freundin, die war schwanger.
Es war ein Gebot von Kaiser Franz ausgegangen, dass alle Welt die WM in Südafrika besonders schätzen sollte. Noch vielmehr aber war es die eigene Fußballbegeisterung, die die Beiden hierhergebracht hatten. Ein bisschen Verrücktheit gehörte wohl auch dazu und das Glück, zwei Karten für das Spiel ergattert zu haben. Andere würden es Leichtsinn nennen. Aber das Kind hatte sich bisher auch so leicht gemacht als wolle es ganz unbemerkt auf diese Welt kommen. Keinerlei Komplikationen, nicht die kleinste Übelkeit und Termin war auch erst im August.
Nun standen sie hier vor ihrer letzten Hoffnung. "Bed and breakfast" stand am Haus, aber als sie fragten war es doch nur noch breakfast gewesen aber kein Bett.

Dann hatte Maja die Idee mit Onkel Hape. Der war Pfarrer in der Benediktgemeinde in Frankfurt und vor Jahren mal für die Ausbildungshilfe der Lutherischen Kirche hier in Südafrika tätig gewesen. Onkel Hape - Majas letzte Rettung. Sie wählte die Nummer auf ihrem Handy. Am anderen Ende meldete sich Lissi, seine Frau... „Maja, mein Gott, wo steckst du?“ „Tja also, hm…. „, ziemlich verlegen stotterte sie: „In Rustenburg in Südafrika – und  wir haben hier ein Problem …“  „Bist du verrückt,“ schimpfte Lissi, „in deinem Zustand…"
Dann endlich rief sie Hape, die Vorwürfe wiederholten sich und endlich: „Wo steht ihr jetzt?“ „In Rustenburg, in der Lucasstraße, vor irgend so einem Sportfeld“.
„Jetzt hör mal gut zu, Maja. Notier jetzt bitte die folgende Adresse und Telefonnummer. Das ist die vom Church Center der Western Diocese  in Thlabane. Das ist nicht weit von euch. Warte bitte noch mal 5 Minuten. Ich kündige euch schon mal an und  melde mich dann wieder....."

Es dauerte etwas länger als 5 Minuten, aber dann kam der erlösende Anruf: „Ihr  könnt dort im Church Center erstmal unterkommen. `Yes, they are welcome´, hat der Bischof gesagt. Es ist nur eine kurze Fahrt in das ehemalige Township zwischen Rustenburg und Pokeng. Aber ihr sollt euch beeilen. Auch der Bischof will Fußball gucken."

Doch irgendwo mussten sie falsch abgebogen sein, und dann war hier auch nirgendwo ein Wegweiser. In der einbrechenden Dunkelheit versuchte Jo auf die R24 zurückzukommen.
„Weißt du eigentlich warum Moses 40 Jahre durch die Wüste irrte?“ zischte in Maja an. „Ne, warum denn?“ „Ein Mann fragt nicht nach dem Weg.“  „Ha, ha, - der ist alt –  siehst du hier irgendjemand, den ich noch fragen könnte?"

Waren vor einer Viertelstunde noch überall  Menschen gewesen, so war die Welt jetzt wie ausgestorben. Keine Menschenseele mehr da.  Es ist nämlich 8.00 Uhr abends. In wenigen Minuten soll in Kapstadt das Spiel Holland gegen Kamerun beginnen.  Aber es ist mehr als Holland gegen Kamerun. Es ist Afrika gegen Europa, Schwarz gegen Weiß.
Alle afrikanischen Mannschaften sind bereits ausgeschieden - vorgestern  Südafrika, gestern Ghana. Nur Kamerun ist noch drin, und ausgerechnet heute am 24. ist das Schicksalsspiel  gegen Holland, das Land wo die Buren herkamen, die Verantwortlichen für die Apartheid. Große Spannung liegt in der Luft, aber auch die Angst, dass alte Rassenkonflikte sich erneut entladen.

Im Scheinwerferlicht ihres Autos tauchen  vor ihnen auf dem Weg  zwei Gestalten auf und winken ihnen anzuhalten. Ein Ast liegt quer. Jo tritt auf die Bremse und dann geht alles rasend schnell. Das Auto steht. Die Türen rechts und links werden gleichzeitig aufgerissen. Jo und Maja spüren ein Messer am Hals. Sie öffnen den Gurt, werden herausgezogen. Ein dritter hat den Ast weggeräumt. Die zwei steigen vorne ein, der dritte hinten. Die Türen schlagen zu. Der Motor heult auf. Das Auto braust in einer Staubwolke davon.

Maja und Jo bleiben am Wegrand liegen. In der Ferne verklingt das Motorengeräusch. Dann ist es still, ganz still - stille Nacht. „Maja“ - Jo läuft zu Maja. Hält sie, drückt sie.  „Oh shit“,  Maja stößt einen Schrei aus. „Was ist, bist du verwundet?“ „Nein, aber das Kind  kommt. Wir brauchen Hilfe.“ Doch in dieser Nacht kommt der barmherzige Samariter nicht. Der guckt nämlich auch gerade Fußball.

Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Es ist als ob der Himmel immer  näher kommt. Immer mehr Sterne sind da, fast zum Greifen. Da ist ein Stern. Maja nimmt ihn jetzt zum ersten Mal bewusst wahr. Eigentlich ist es ein Sternbild. Es ist schon immer dagewesen, aber sie hat es noch nie zuvor gesehen.
Jo schaut mit ihr in die gleiche Richtung: „Das Kreuz des Südens – sieht man nur auf der Südhalbkugel.“  „Das Kreuz des Südens“ – wiederholt Maja – „gibt es hier eigentlich eine Notrufnummer?“  „Bestimmt“  antwortet Jo, nur ist das Handy mit dem Auto weg. „Aua“, stöhnt Maja, „das Kind“. Es hat sich im Klang ihrer Stimme etwas verändert. „Dann hilft nur beten“. „Mein Gott, und wie geht das jetzt?“ fragt Jo. Sie schweigen ein Weile. Dann spürt er fast Majas Lächeln. „Es ist Weihnachten“, flüstert etwas in ihr, „Weihnachten auf der Südhalbkugel.“ „ Es ist Weltmeisterschaft“ sagt Jo „und deshalb fährt in den nächsten zwei Stunden, hier nirgends ein Auto.“  „Es ist Weihnachten, Jo. Hier ist jetzt Weihnachten. Warum sollen sich eigentlich die Menschen hier im Süden nach unseren europäischen Jahreszeiten richten, im Dezember bei 30 Grad im Schatten unterm Christbaum sitzen? Jesus wurde in der längsten Nacht und im letzten Stall geboren, und die längste Nacht, das ist gerade jetzt - jedenfalls hier im Süden“.

„Und nun?“  „Komm, wir suchen  den Stall!“
„Und wo?“ „Na dem Stern nach, dem Kreuz des Südens.“
„Ein Stall für den zukünftigen Weltmeister!“

Mühsam schleppen sie sich die Straße entlang. Die Wehen werden stärker.  Da ist irgendwo das Licht einer Hütte. Sie gehen darauf zu. Die letzten Meter muss er sie fast tragen. „Help, Hilfe, bitte helfen sie  uns!“ Eine Frau öffnet.  Maja bricht unter dem Schmerz einer heftigen Wehe vor ihr zusammen. Ein Schwall Fruchtwasser ergießt sich in die Hütte.
Die Frau ist, wie sie später erfahren, Dineo Modisane. Ihr Mann ist vor 2 Jahren verstorben. Rose, ihre Tochter, hat Aids, und sie pflegt sie notdürftig hier. Sie hat noch drei weitere Kinder, die irgendwo in der Nacht da draußen sind. Dineo versucht zu tun, was sie kann. Rose ist zu schwach, um Hilfe zu holen. Das Guthaben auf dem Handy, ihrem einzigen Luxus - es ist verbraucht.
Und sie brauchen Hilfe. Da klingelt das Handy von sich aus, oder vielmehr es dudelt seine Melodie „Come and go". Für Maja klingt es  wie eine Mischung aus Engeln und Mäusen.
„Scheiße, die Bullen“, ruft Masego noch, und dann ist es zur Flucht auch zu spät. Grelles Licht leuchtet auf. Eine Maschinenpistole ist auf sie gerichtet. Jeder von den Dreien weiß, was ihn jetzt erwartete. Sie sitzen in einem geklauten Auto, noch mit dem Gepäck des Paares, das sie in der Nacht zurückgelassen haben, weit weg vom nächsten Ort.
Die Polizei hat ausgerechnet in diesen Tagen den Ehrgeiz, die ausufernde Kriminalität im Land einzudämmen. Es ist eine Frage des Nationalstolzes. Die Welt zu Gast - sie soll sicher sein in Südafrika. So also sitzen sie in der Falle, und sie wissen das.

Masego hat noch das Handy in der Hand, das sie im Auto gefunden haben. Instinktiv wählt sie die Nummer ihrer Mutter. Wenigsten noch schnell zu Hause Bescheid sagen, ehe sie für eine Weile im Knast verschwinden, ihre Mum wieder hungert und die Schwester ohne Medikamente ist. „Roballa sentle Mam. Komm Mam, geht schon ran!“ Sie klammert sich fest an das kleine Gerät:. „Tut mir leid Mam ...“

„Papiere … Aussteigen!“ Die Polizisten durchsuchen das Auto mit dem Gepäck von Jo und Maja. „Na da braucht ihr jetzt aber eine gute Geschichte, um uns das zu erklären“, dröhnt einer der Polizisten.
„Tor! Tor! Kamerun führt 2:1!". Die Stimme im Radio überschlägt sich. Einer der Polizisten dreht es lauter: „Unglaublich, in der 76. Minute geht Kamerun mit 2:1 in Führung, und was für ein traumhafter Treffer: ein weiter und hoher Pass fast über das gesamte Feld und dann aus 20 Meter genau ins linke obere Eck - Tor." Afrika jubelt.

Die frohe Botschaft unterbricht das Verhör. Auch Polizisten sind fußballbegeistert. Das Tor stimmt sie für einen Augenblick gnädig. Es lässt Diebe und Polizei für den Moment zu einer afrikanischen Gemeinschaft verschmelzen, doch eben nur für einen Moment.
„Na, dann erzählt mal, wo ihr das Auto her habt."

Masego hat die ganze Zeit im Hintergrund telefoniert. Ein Leuchten geht über ihr Gesicht. Vielleicht ist das die Rettung. Sie nimmt all ihren Mut und ihre schauspielerischen Fähigkeiten zusammen, damit die Polizei glaubt, was sie sich jetzt zusammenreimt. Nur die anderen beiden müssen ihren Mund halten. „Habt keine Angst“, zwinkert sie ihnen zu, „lasst mich mal erzählen“. Und dann zu dem Polizisten: „Ein Kind ist uns geboren. Ganz plötzlich. Von den beiden denen dieses Auto gehört. Es hat sie bei unserem Haus überrascht. Sie haben uns das Auto gegeben, damit wir Hilfe holen. Unsere Mutter kümmert sich zurzeit um sie. Ihr könnt euch selbst überzeugen. Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt - in unserem Haus.“
„Klar“, sagt der Polizist „ein Sohn ist euch geboren. Er liegt in einer Krippe, ihr seid die Hirten und ich bin der Weihnachtsmann. – Ne, Mädchen, da muss du uns schon eine bessere Geschichte erzählen.“

Masego hat immer noch das Handy und fleht zum Himmel, dass der Akku hält. Dann ruft sie mit einer Begeisterung und einem Selbstbewusstsein als hätte sie selbst das 2:1 geschossen: „Es gibt keine bessere Geschichte! Bitte hier, überzeug dich doch, du Weihnachtsmann!“ und damit drückt sie ihm das Handy ans Ohr. Unser Name ist übrigens Modisane, was tatsächlich soviel heißt wie Hirte, aber das Kind ist ein Mädchen.

So sieht man nun die drei Modisane-Hirten eskortiert von zwei Polizeiautos zu einer Wellblechhütte fahren. Und sie finden Maja und Jo und dazu das neugeborene Kind, notdürftig in Windeln gewickelt. Dineo weiß nicht mehr, wen sie zuerst umarmend soll vor Freude: Ihre schon verloren geglaubten Kinder, oder Maja und Jo, die die ganze Geschichte von Masego bestätigen und sie so vervollständigen, dass sie zur reinen Wahrheit wird. Dann ist da auch noch Benedicte, die Neugeborene dieser Heiligen Nacht - und die Bullen, die so verwundert da stehen als wären sie der Ochse im Stall, dazu Rose, die für einen Augenblick ihre tödliche Krankheit vergessen kann, und über der Hütte leuchtet das Kreuz des Südens.

Vielleicht werden später auch noch der Botschafter von Dänemark und der Außenminister von Japan auf ihrem Rückweg vom Bafokeng Stadion an der Hütte vorbei kommen. Aber nur vielleicht, denn es soll nicht zu fantastisch werden. Das Kind steht schließlich für einen Gott mit Bodenhaftung.
„Na denn also, baka morena und Frieden auf Erden“ verabschiedet sich die Polizei. Wir schicken eine Hebamme vorbei.

Das Fußballspiel war in der Hütte zur Nebensache geworden.
Drei Jugendliche feierten ihre Freiheit, eine Todkranke ihr neues Leben. Sie hatten Ihren Weltmeister.
Endlich, nach langen Augenblicken des Staunens und Wunderns fragte Nkwane. „Wie ist eigentlich das Spiel am Kap der guten Hoffnung ausgegangen?“.
„Na wie schon“, antwortete Masego, die immer am besten informiert war, „Kamerun hat gewonnen. Afrika ist im Achtelfinale. Wir werden Weltmeister.“  
Lukas 2, 1

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.
2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.
3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.
4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,
5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.
6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.
7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.
16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.
17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.
18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.
19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.
20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

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