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Das Friedenslicht

Er hatte in diesem Jahr die zweite Ehescheidung hinter sich. Und diesmal war es noch schmerzhafter gewesen als beim ersten Mal: die Trennung von den beiden Kindern, das kleine gemeinsame Unternehmen, das sie sich aufgebaut hatten. Irgendwie musste es ja weiterlaufen, aber er lief nur noch nebenher. Möbelpacker hatten die Wohnung halbiert, und selbst seine Eltern hatten ihn auseinandergenommen.  So kam er sich nun auch vor: auseinander, nur noch ein halber Mensch.  Es musste ja wohl auch an ihm liegen, wenn es jetzt zum zweiten Mal schief ging; Weihnachten wieder alleine, ohne die Kinder, keine heilige Nacht, nur eine stille. Ob er sich gleich die Kugel geben sollte? Manchmal helfen alte, feste Rituale über die Leere hinweg. Sonst ging er ja nie in die Kirche, aber Heiligabend, die Christmette, das gehörte dazu. Er setzte sich in die vorletzte Bank. Genoss die Stille. Nach Singen war ihm heute nicht. Aber das erledigte jetzt ja auch der Chor.
Dann kam das Friedenslicht von Bethlehem und ging durch die Reihen. Nur er hatte vergessen sich am Eingang eine Kerze mit zu nehmen. Stille Nacht – finstere Nacht. Das Fürbittengebet für die Opfer des Unfriedens. Ob er ein Opfer war?  Oder eher der Täter? Noch das Schlußgebet: Vater unser, vergib uns unsere Schuld… Dann war der Abend auch schon fast gelaufen, nur das „O du fröhliche“ kam noch.  Und da muss er wohl bei „Welt ging verloren“ doch tatsächlich  mitgesungen haben.  Jedenfalls  erklang hinter ihm mit einem glasklaren Sopran die Antwort: „Christ ist geboren, freue, freue dich o Christenheit.“
Bei „Christ ist erschienen uns zu versühnen“  gelang es ihm sogar, mit sich selbst ein bisschen ins Reine zu kommen. Und dann erschienen die himmlischen Heere und jauchzten in ihm Ehre als der Engel ihn ansprach: „Hast du kein Licht?“ Er kannte sie. Sie war viel jünger als er. „Nein, mir war heute nicht danach“. „Komm nimm meines, ich hole mir ein neues“, und schon hatte er das Licht von Bethlehem in der Hand und musste es nur noch sicher nach Hause bringen.  "Jemand klopft an deiner Tür ..." summte er das Lied des Chores vor sich hin. Am 2. Weihnachtsfeiertag hat er sie  noch mal angerufen: „Danke für das Licht“– und damit begann ein langes Gespräch.
Etwa ein Jahre später erfüllte sich der Predigttext jener Heiligen Nacht aus Jesaja 7: „Siehe eine junge Frau wird schwanger sein und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Manuel geben, das heißt übersetzt Gott ist mit uns.“ „Freue, freue dich o Christenheit.“
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